SPON Plattenkritik

Gute Plattenkritiken sind wie Sahne auf dem Kuchen, Honig um den Mund und Tomaten auf den Augen. Toll! Andreas Borcholte von Spiegel Online schmeißt bei Abgehört 8 Punkte raus. Damit kann man schon mal angeben:

SOS - save Olli Schulz

SOS – Save Olli Schulz
(Trocadero/ Indigo, erscheint am 16. März 2012)

„Olli Schulz ist der vielleicht erstaunlichste TV-Promi, der da draußen gerade so rumläuft. Wenn man sich die Auftritte des Hamburgers bei „NeoParadise“ auf ZDFNeo ansieht, unlängst als belästigend-besoffener Bukowski-Wiedergänger Charles Schulzkowski im Berlinale-Einsatz, dann fühlt man sich in eine andere, irgendwie irre, aber auch freiere Zeit des deutschen Entertainments versetzt. Fred Sonnenschein und seine (Hamster-)Freunde fallen mir da ein, letzten Samstag gerade mal wieder bei den Hitparade-Reruns mit Dieter Thomas Heck auf ZDFKultur gesehen – und fassungslos gewesen. Oder Didi Hallervorden. Es wäre Olli Schulz ohne weiteres zutrauen, dass ihm demnächst mal irgendwo ein schüchternes „Palim-palim“ entfährt. Gar nicht aus Kalkül oder Ironie, die ist ihm ohnehin eher fremd, sondern einfach so.

Mit seiner neuen Platte zeigt Schulz nun auch neueren Fans, dass er nicht nur Fernseh-Anarcho, sondern auch ein sehr guter Liedermacher sein kann, wenn er denn will. Melancholische Songs wie „Wenn es gut ist“, „Irgendwas fehlt“ oder „Spielerfrau“ kehren eher die Monsieur-Hulot-Seite des Liedermachers heraus als seine Muppetshow-Persona, was nach all dem Halligalli mit Joko und Klaas schon sehr wohltuend ist. Schulz-Lieder sind voll kluger Aphorismen und schöner Bilder; wenn man hört, was er da singt, weiß man sofort, wie’s ihm geht: „Ich lehne mich über die Brüstung der Brücke/ Und spucke/ Einem Schwan auf den Rücken“, heißt es in „Old Dirty Man“, und nur kurz darauf folgt die Erkenntnis: „Ich glaube, ich bin mit der Zeit/ Ganz schön komisch geworden.“ Sind wir ja alle irgendwie. Und genau dieses Gefühl des Älter- und Wunderlichwerdens hat Schulz zum Thema von „SOS“ gemacht. Herzstück, im Sinne von ergreifend, ist der grandiose Song „Koks und Nutten“, der von einer dieser vielen sympathisch gescheiterten Musiker-Existenzen erzählt, die Schulz wohl allabendlich beim Kneipier seines Vertrauens trifft. „Für die Bands, die ich so liebte/ Die der Erdboden verschluckte/ Für die Entrückten und Beseelten/ Die sogenannten Verlierer/ Die mir in wunderschönen Liedern/ Von ihrer Sehnsucht erzählten/ Für die möchte ich singen/ Weil ich auch nur einer bin/ auf der Suche nach dem Moment/ Wenn die Musik jeden Lärm und jeden Schmerz von Dir nimmt“, singt er am Ende dieser großen Underdog-Ballade – und zum Glück kommt gleich danach eines dieser durchgeknallten Interludien, das von einem Briefmarkensammler handelt, sonst müsste man weinen. Olli Schulz beherrschte dieses Spreizen zwischen großem Gefühl und Mach-den-Bibo-Dadaismus schon immer aus dem Effeff, das zeigt er auch gerne mal live, wenn er im zerknitterten Anzug mit Gitarre auf einem Hocker kauert und Journeys Schmalzkuchen „Don’t Stop Believing“ so herzhaft und ernst runterklampft, wie er gemeint war. Am Ende dieses abenteuerlichen Albums verabschiedet sich Schulz krähend von allen Buchstaben, Menschen und Möbeln, die auf der Platte vorkommen und mitgemacht haben. Und spätestens da denkt man: Vielleicht ist Olli Schulz nicht nur der erstaunlichste Fernseh-Spasti, vielleicht ist er auch der erstaunlichste Singer/Songwriter, den wir gerade haben. Wird Zeit, dass uns das mal bewusst wird.“

(8) Andreas Borcholte

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